Active Sourcing war gestern

HR-Kolumne: Active Sourcing war gestern

Es dauerte etwa zwei Tage bis er erstmals ahnte, dass etwas um ihn herum nicht stimmte.

Hubertus K. ließ seine Finger routiniert und sanft über die Polystyrol-Tasten seines Latitude gleiten und entspannte sich mit dem gleichmäßigen, kaum hörbaren Summen seiner FAN-Kühlung.

Im Nachhinein ist unmöglich zu sagen, was genau den Java-Entwickler aus Leipzig stutzig gemacht hatte. Es könnte vielleicht sogar an der Struktur der Tapete gelegen haben.

Hatte sich etwa das Furnier seines Schreibtisches verändert?

Egal – Hubertus hatte keine Zeit sich um Tapeten zu kümmern, er war DER Java Spezialist, ER musste sich jetzt um das Problem mit den Arrays kümmern und IHN würde nichts daran hindern.

Am nächsten Tag rauschte die Erkenntnis wie ein Senkbeil in sein Bewusstsein. Es war genau jener Moment, als eine junge Kollegin das Büro betrat und etwas über Kaffee sagte. Ihre lackierten Fingernägel berührten für einen kurzen Moment seinen grau-grünen Viskosepullunder. Dabei kam es zu einer jener winzigen elektrischen Entladungen, wie sie manchmal durch die statische Aufladung über den Teppichboden geschieht.

Er spürte einen Funken auf seiner Haut, und ihm wurde plötzlich alles klar: Hubertus wurde „generdnappt“!

„Nerdnapping“ gilt als die neuste und wohl aggressivste Form des Active Sourcing. Der zunehmende Wettbewerbsdruck und der voranschreitende Fachkräftemangel haben HR-Agenturen dazu veranlasst Ihre Kandidaten direkt an deren Arbeitsplatz abzugreifen, um sie dann unmittelbar bei ihren Kunden abzuliefern. Rechtlich gilt diese Methode der Personalgewinnung als fragwürdig, wobei weder die DSGVO noch die e-Privacy-Verordnung entsprechenden Schutz bieten.

Im Fall von Hubertus K. ging die Sache schließlich noch einmal gut aus: Er hat sich schnell an die neue Umgebung gewöhnt, die junge Kollegin gefiel ihm und der Kaffee schmeckte richtig gut.

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